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Deutschlands Energiewende ist ein Megaprojekt

Teurer Strom und "Monstertrassen"? - Im kommenden Jahr könnte die EEG-Umlage steigen, weil der Strompreis sinkt

09.08.2016, 06:00 Uhr

 

Von Teresa Dapp

Berlin. Weg von Atom, Kohle und Gas. Hin zu Sonne, Wind und Biomasse. Das ist - einfach gesagt - die Energiewende. Was sie aber auch ist: ein ewiger Zankapfel für Politiker, Umweltschützer, Industrie, Landbesitzer, Investoren. Denn es geht nicht nur um Atomausstieg und Klimaschutz, sondern auch um viel Geld - und das betrifft jeden, der Strom aus der Steckdose bekommt. Ein Faktencheck:

> Macht die Energiewende den Strom teurer? Es stimmt, dass viele Strom-Endkunden wegen der Energiewende mehr zahlen müssen. Das heißt aber nicht, dass der Strom an sich teurer wird. Im Gegenteil: Der sogenannte Börsenstrompreis, zu dem Versorger Strom im Großhandel einkaufen, sinkt seit Jahren drastisch - was etlichen Energiekonzernen enorme Probleme eingebrockt hat.

Deutschen Stromkunden müssen zusätzlich aber verschiedene Steuern, Abgaben und Umlagen zahlen - darunter die EEG-Umlage. Diese steigt, wenn die Börsenpreise für Strom sinken. Der Grund: Wer zum Beispiel einen Windpark betreibt, bekommt für den produzierten Strom - bisher - eine festgeschriebene Vergütung, die über die Umlage finanziert wird.

2016 liegt die EEG-Umlage bei 6,354 Cent pro Kilowattstunde. Die Denkfabrik Agora Energiewende hat errechnet, dass sie im kommenden Jahr auf 7,1 bis 7,3 Cent ansteigen wird - hauptsächlich, weil der Börsenstrompreis weiter sinkt. Trotzdem dürfte sich für Stromkunden wenig ändern, wenn die Energiekonzerne ihre sinkenden Kosten auch weitergeben. Ein Vier-Personen-Haushalt verbraucht laut "Stromspiegel 2016" im Schnitt etwa 4200 Kilowattstunden pro Jahr. Damit zahlt dieser Haushalt 2017 ungefähr 300 Euro für die EEG-Umlage.

Um die Wirtschaft zu schonen, können besonders energieintensive Unternehmen unter bestimmten Umständen von der EEG-Umlage befreit werden. Kritiker sehen darin eine Wettbewerbsverzerrung.

> Diskussion um "Monstertrassen". Das Thema Netzausbau gehört zu den schwierigsten in der Energiewende. Die Hauptaufgabe: Der Windkraft-Strom aus dem Norden muss in den Süden. Zuständig ist die Bundesnetzagentur. Wie gut es mit dem Ausbau läuft, ist Ansichtssache. Dem Bundesbedarfsplangesetz zufolge sind etwa 6200 Kilometer an Leitungen nötig - nach dem ersten Quartal 2016 waren 65 Kilometer gebaut und 350 Kilometer genehmigt. Mit dem Kampfbegriff "Monstertrassen" meinen Kritiker die großen Nord-Süd-Stromleitungen. Die Politik einigte sich im vergangenen Jahr nach Druck vor allem aus Bayern darauf, dass Erdkabel Vorrang haben. So sollen Klagen verhindert werden, die Zeit und Geld kosten. Die Erdverkabelung macht den Netzausbau aber teurer und langsamer. Erdkabel kosten das Drei- bis Zehnfache von Überlandleitungen. Der Netzagentur zufolge wird die 800 Kilometer lange SuedLink-Trasse - die "Hauptschlagader" der Energiewende - erst 2025 fertig, drei Jahre später als geplant. 2022 geht das letzte Atomkraftwerk vom Netz.

> Gibt es durch den Ökostrom-Ausbau zu viel Strom? Inzwischen kommt mehr als ein Drittel des deutschen Stroms aus Öko-Quellen, auch in der Summe steigt das Angebot an Elektrizität. Die heutigen Stromnetze können überlastet werden, denn es kann nur eine bestimmte Strommenge durchlaufen. Der Stromverbrauch muss sich zukünftig dem Angebot besser anpassen - über ein sogenanntes Lasten-Management. Wie das funktioniert, beschreibt etwa die Agentur für Erneuerbare Energien (AEE): "Die Verbraucher müssen stets über die vorhandenen Stromkapazitäten informiert sein und Anreize zur Anpassung ihrer Stromnachfrage durch entsprechende Tarife und Preissignale bekommen. Zudem müssen sich Geräte wie zum Beispiel Spülmaschinen, Trockner und Waschmaschinen entsprechend steuern beziehungsweise programmieren lassen."

> Gehen ohne Kohle die Lichter aus, wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht? Bisher gibt es in Deutschland noch genug flexible Kraftwerke, die Engpässe problemlos ausgleichen können. Wie es in Zukunft läuft, hängt vor allem davon ab, welche Fortschritte Wissenschaft und Technik machen. Rezepte sind das beschriebene Lasten-Management und Stromspeicher: Überschüsse sollen gespeichert und später bei Bedarf ins Netz eingespeist werden. Da ist allerdings noch viel zu forschen und zu entscheiden. Ein Stichwort ist "Power to Gas".

Dabei geht es um das Speichern von Strom im Gasnetz, die Umwandlung passiert über einen chemischen Prozess. Das Gas kann als Wärmequelle oder Kraftstoff eingesetzt, aber auch in Strom zurückverwandelt werden. Wirtschaftlich ist das noch nicht. Die Strategieplattform "Power to Gas" der Deutschen Energie-Agentur (Dena) strebt eine Markteinführung bis 2022 an.