Kraichgau Stimme, Region Heilbronn, Kommentar vom 14. Juni 2016

Nachholbedarf

Drei Greifvögel und viele Fledermäuse tot

 

HARTHÄUSER WALD Zahlreiche Tiere unter den Anlagen des Windparks gefunden – Kaum Erklärungsansätze

Der Windpark Harthäuser Wald vom Pfitzhof auf Jagsthausener Gemarkung aus: In diesem östlichen Bereich häufen sich seit zwei Monaten die Meldungen über Schlagopfer unter den Anlagen.

Foto: Christian Gleichauf

Von Christian Gleichauf und Reto Bosch

Den Windkraftanlagen im Harthäuser Wald sind offenbar innerhalb weniger Wochen 22 Fledermäuse sowie ein Habicht, ein streng geschützter Wespenbussard und ein Rotmilan (wir berichteten) zum Opfer gefallen. Das teilt die Schutzgemeinschaft Harthäuser Wald mit. Sie sieht damit den Betrieb der Windkraftanlagen mit den vorgegebenen Abschaltzeiten als illegal an. Zudem dürfe der Bau weiterer Anlagen nicht genehmigt werden.

Für solche Schlussfolgerungen ist es dem Landratsamt als Genehmigungsbehörde noch viel zu früh. Allerdings ist auch die zuständige Koordinatorin Susanne Sperrfechter überrascht. „Die Fakten sprechen für sich.“ Sie möchte jedoch auch Klarheit über die Ursachen bekommen. Deshalb soll zum einen ein weiteres Gutachten klären, wie die Abschaltalgorithmen optimiert werden können, um die Anlagen bei Fledermausflug konsequenter als bisher abzuschalten. Zudem wurde der Wespenbussard – eine streng geschützte und auch bei uns sehr seltene Vogelart – zur Untersuchung an das Chemische- und Veterinäruntersuchungsamt (CVUA) in Stuttgart geschickt. „Wir wollen wissen, was die Todesursache war, um jeden Zweifel auszuräumen.“

Zusammenhänge? Zweifel gibt es beim Betreiber der Anlagen. „Die Meldungen kamen von erklärten Gegnern des Projekts“, sagt Harald Endreß, Geschäftsführer der Zeag Erneuerbare Energien. Dazu komme der enge zeitliche Zusammenhang zum Erörterungstermin am Mittwoch in Hardthausen, wo Fachleute und Landratsamt Einwände gegen die Erweiterung des Windparks diskutieren werden.

Die Schutzgemeinschaft sieht darin eine Unterstellung, die jeder Grundlage entbehre. Sowohl der Rotmilan als auch der Habicht seien gar nicht von den Mitgliedern der Schutzgemeinschaft gefunden worden, erklärt der Vorsitzende Holger Bauer. Nur der Wespenbussard und mehrere Fledermäuse wurden von Mitgliedern gefunden – teils zufällig bei Ausflügen. An manchen Tagen werden die Anlagen aber auch systematisch abgesucht. Nur so lässt sich offenbar überhaupt erklären, dass zu dieser Jahreszeit neben dem Milan auch zwei Vogelarten, die nicht als besonders durch die Windkraft gefährdet gelten, getötet worden sind. Und auch die Vielzahl der Fledermäuse zu dieser Jahreszeit ist untypisch: „Das fällt komplett aus dem Rahmen“, sagt Tobias Dürr, der bei der Staatlichen Vogelschutzwarte in Brandenburg für die sogenannte Schlagopferdatei zuständig ist. Man müsse davon ausgehen, dass die Zahlen im Sommer noch deutlich ansteigen. Seinen Informationen zufolge ist es der achte geschlagene Habicht, der neunte Wespenbussard und der 316. Rotmilan seit Beginn der zentralen Erfassung im Jahr 2002. In der Vergangenheit sei im Frühjahr im Wald aber fast gar nichts gefunden worden, weil die Standorte nicht abgesucht wurden. Das sei im Fall Harthäuser Wald offensichtlich anders.

Lebensraum Nach Stimme-Informationen haben Fachleute, die sich vor Ort auskennen, aber nichts mit der Schutzgemeinschaft zu tun haben, mit einer gewissen Zahl an Schlagopfern gerechnet. Alles andere sei unrealistisch. Dieser Wald sei ein wertvoller Lebensraum. Sie halten die Funde für glaubwürdig.

Welche Folgen die Funde für das laufende Genehmigungsverfahren haben, ob vielleicht sogar gesetzliche Vorgaben verändert werden müssen, bleibt noch offen. „Wir halten die vorgelegten Zahlen für seriös und nehmen das Thema sowie die von der Schutzgemeinschaft vorgebrachten Sorgen sehr ernst“, erklärt der Sprecher des Umweltministeriums in Stuttgart, Ralf Heineken. Über etwaige Konsequenzen zu sprechen, etwa über Abschaltzeiten der Anlagen, sei allerdings zum jetzigen Zeitpunkt verfrüht.

Kommentar „Nachholbedarf“